Zenshin-Brief im September 2025

 

liebe ZENWEG-Gefährtinnen -

willkommen bei Zen Fuer Frauen,

 

'Erinnere dich. Nichts bleibt, wie es ist.

Selbst die Balancc der Dinge liegt nur im Moment.'

 

Die Tage jetzt im Spät-Sommer sind von besonderer Kraft und Schönheit. Es ist, als ob Mutter Natur für einen Moment den Atem anhält und es tritt eine grosse Ruhe ein. Das Licht der Sonne wird milder und die Luft ist sanft und weich. Wer jetzt Zeit in der Natur verbringen kann, erlebt einzig-artige Momente eines vollkommenen Friedens. Alles scheint im Gleichgewicht zu sein. Heilige Momente. Das können wir unmittelbar erspüren.

 

Das Symbol dafür ist das Sternzeichen Waage, in das die Sonne in jedem Jahr von Neuem zur Herbst-Tag-Und-Nacht-Gleiche eintritt. An diesem Tag sind die Tag-und Nachtstunden gleich lang. Jeweils 12 Stunden. Das Ausbalancieren der beiden Waagschalen ist nichts anderes als die Vereinigung der beiden gegensätzlichen Kräfte im Zentrum. Ist das Gewicht ungleich verteilt, dann sind die Waagschalen aktiv und treten in den Vordergrund. Bei vollkommener Ausgewogenheit ist das Zentrum aktiv und die Waagschalen werden passiv. So lässt sich auch der Inbegriff des spirituellen Weges eines Menschen beschreiben.

 

Die Waage zeigt das Herbst-Äquinoktium an, das der Mitternacht des Tages entspricht. Tag und Nacht befinden sich in einem vollkommenen Gleichgewicht. Ab jetzt werden die Tage kürzer und die Nächte wieder länger. Am Montag, den 22. September um 20:19 findet die diesjährige Herbst-Tag-Und-Nacht- Gleiche statt. Am Tag zuvor erleben wir zudem eine partielle Sonnen-Finsternis, die nun genau vierzehn Tage nach der totalen Mond-Finsternis vom 7. September, einem Blutmond, folgt und damit die diesjährige Eklipsenzeit beendet.

 

Wir spüren alle, wie wichtig es jetzt ist, ein stabiles inneres Gleichgewicht zu bewahren, damit wir nicht den zentrifugalen Kräften der äusseren Welt erliegen. Die Zentripetalkraft dagegen ist eine reale Kraft, die zum Zentrum hin wirkt, um eine Kreisbewegung aufrechtzuerhalten und die auf einen Körper in einer gekrümmten Bahn einwirkt, um ihn zum Mittelpunkt des Kreises zu ziehen, wodurch eine Kreisbewegung ermöglicht wird.

 

Der Buddha nannte dieses Ausbalancieren der Kräfte auch den Weg der Mitte. Seine letzten Worte, mit denen er alle Menschen aufforderte, sich aus eigener Kraft aus dem Leiden zu befreien, lauteten:

„Weil es keinen Retter von aussen gibt, muss jeder von euch für seine eigene Befreiung sorgen.“

 

Im Buddhismus sind die Tage rund um den Neumond- und Vollmond wichtige Zeiten für Besinnung und Einkehr. Sowohl bei Neumond als auch bei Vollmond ist es besonders wichtig, sich Zeit für Meditation, tiefe Atemübungen und Achtsamkeit zu nehmen. Wir dürfen die Mondphasen auch dafür nutzen, um unserer kreativen Seite freien Lauf zu lassen, zum Beispiel durch Schreiben oder Malen. Es ist eine gute Zeit, sich darauf zu konzentrieren, wie die Energie des Mondes unsere Gedanken und Gefühle beeinflusst und wie wir das nutzen können, um unser inneres Gleichgewicht und Wohl-Befinden zu fördern. 

 

Wir können einen Samen legen, indem wir aufschreiben, was wir uns für den kommenden Monat wünschen und stellen uns vor, wie diese Absichten mit dem Rauch eines Räucher-Stäbchens in die Welt getragen werden. Wir schauen mit Achtsamkeit auf negative Gedanken, Gewohnheiten oder Beziehungen, die wir loslassen möchten. 

 

Wir visualisieren, was wir im nächsten Mondzyklus erreichen möchten und bewahren die Notizen bis zum nächsten Vollmond auf. Auf diese Weise richten wir unsere Achtsamkeit aktiv nach Innen. Wir folgen dem Kreislauf von Sonne und Mond, erleben die Mondphasen und Jahreszeiten intensiver. Das tägliche Leben wird rythmischer, wir leben bewusster und finden im ewigen Kreislauf der Zeit mehr Sinn und Bedeutung. Wir können die Verbundenheit aller Dinge erkennen und verstehen, dass wir Teil eines fortlaufenden Prozesses der Transformation sind. Wir erkennen mehr und mehr unsere Rolle als Mit-Schöpfer* Innen im grossen Gewebe der Existenz und nutzen unser Bewusstsein, um uns weiterzuentwickeln. Alle Ereignisse und Momente können als Teil eines kontinuierlichen Flusses gesehen werden und wir beginnen zu verstehen, dass Zeit eine Illusion ist und dass alles im Jetzt geschieht.

 

Wir sind eingeladen, die Zeit zu überschreiten und das Leben aus einer umfassenderen Perspektive zu sehen, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem einzigen Fluss der Existenz verwoben sind. Wir erkennen, dass wir Teil von etwas sind, das viel grösser ist als wir selbst und dass alles im Universum miteinander verbunden ist. Wir erkennen auch, dass alles eins ist und dass auch wir mit allem, was existiert, auf natürliche Weise verbunden sind. Wir erleben ein tiefes Gefühl des Friedens und der Einheit.

 

Auf der Website der Sôtô-shu findet sich folgender Text. (Hier ein Auszug)

Wir, die wir die Lehren des „einen Buddha und der zwei Gründer“ leben – nach welcher Art der Lebensführung sollten wir streben?

Der Buddha lehrte uns,

aus der Weisheit heraus und voller Mitgefühl zu leben. Weisheit ist die Fähigkeit, die Wahrheit des Lebens, die durch alle Dinge erweckt wird, zu verwirklichen. Mitgefühl ist die Fähigkeit, mit dem Geist unendlichen Mit-Empfindens Leiden zu beseitigen und Menschen zu geistigem Frieden zu führen. Mit Weisheit und Mitgefühl können wir tolerant sein und die Standpunkte des jeweils anderen akzeptieren.

Keizan Zenji lehrte uns,

die Sorgen und Leiden der Anderen wahr zu nehmen und anzuerkennen, als wären sie unsere eigenen und in Harmonie miteinander zu leben.

In diesem Jahr sollten wir mittels der „Zusammenarbeit“, einer der „vier Handlungsweisen eines Bodhisattvas“, unsere menschlichen Beziehungen durch gegenseitiges Teilen, Unter- stützen und Umsorgen vertiefen.

Dogen Zenji verkündete:

„Obwohl dieses Dharma vollständig in jeder Person gegenwärtig ist, zeigt es sich nicht ohne die Praxis“.

Deswegen empfahl er uns, diese Lehre sorgfältig in unserem Leben anzuwenden.

Lasst uns alle mit dem Buddha an der Hand mit der Praxis der Bodhisattvas fortfahren, der Praxis des Zazen vertrauen und darum bitten, dass niemand in dieser Welt zurück - gelassen wird.

Text von Rev. Shūkō Ishizuki, Oberpriester der Sotoshu, 1 April 2023

 

der nächste Zenshin-Rundbrief erscheint zur Winter-Sonnenwende am 22. Dezember 2025

Ich wünsche uns allen für die kommenden Wochen eine erfüllte Zeit.

In herzlicher Verbundenheit                                                                                                               BQW